01. März 2017

Alle können mitsingen

Der Offenbacher Projektchor KLANGGARTEN ist ein Inklusionschor der ersten Stunde und bundesweit einzigartig: Erkrankte Menschen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Sana Klinikums und der Stiftung Lebensräume Offenbach singen wöchentlich gemeinsam mit Mitarbeitern, ehemaligen Patienten, Angehörigen und Freunden. Jeder der singen möchte, kann teilnehmen – es gibt keine weitere Voraussetzung. Niemand wird wegen seiner Erkrankung ausgeschlossen. Seit Gründung haben an 20 Projekten 150 Menschen teilgenommen. Eine Würdigung.

Seit Herbst 2011 finden vier jahreszeitliche Chorprojekte mit jeweils 8 bis 12 Proben und anschließendem Konzertauftritt statt. 2013 wurde der Chor von den Teilnehmern in „KLANGGARTEN – Offenbacher Projektchor“ umbenannt: „Weil wir wie in einem bunten Garten alles zum Blühen bringen wollen, keinen Menschen ausschließen.“ Das Motto wird bis heute gelebt. Die Einzelhandelsverkäuferin Evelyn Maurer, 48 (alle Teilnehmernamen geändert), ist seit 4. Januar in stationärer Behandlung in der Psychiatrie. Eine Woche später nimmt sie an der ersten Probe des Projekts „Frühling 2017“im Gemeindesaal der Mirjam-Gemeinde teil. „Horch was kommt von draußen rein“ probt sie im Sopran mit 8 Frauen. „Mir mangelt es an Selbstbewusstsein, ich kann keine Noten lesen, singe aber gerne. Schon beim zweiten Mal spürte ich, dass der Chor mein Selbstwertgefühl stärkt“. Evelyn Maurer lächelt, würde gerne beim KLANGGARTEN bleiben, „wenn es meine Arbeitszeiten zulassen“. Auch Helmut Hofer, 42, kam während seines Klinikaufenthalts zum Chor. Der Beschäftigte eines Behindertenfahrdienstes ist seit der ersten Stunde dabei: „Jede Woche – die Gemeinschaft tut mir gut“.


Foto: Lutherkirche Offenbach

Mutter und Tochter singen Alt

29 Mitglieder zählt aktuell der gemischte Chor KLANGGARTEN, 20 davon haben eine psychische Erkrankung, darunter 9 Frauen und 11 Männer. 9 Teilnehmer sind professionelle Mitarbeiter, Freunde und Familienangehörige. Im Schnitt nehmen 30 Menschen an einem Chorprojekt teil. Sigrid Thon ist mit 82 Jahren die Älteste und seit zwei Jahren mit ihrer Alt-Stimme dabei. Sie kommt mit dem Fahrrad zu den Proben und singt gemeinsam mit ihrer Tochter. In ihrer Gymnastikgruppe beim Ballsportclub BSC erfuhr sie von „zwei Chordamen“ vom Projekt. „Mir macht der Chor Freude, das ist eine tolle Truppe. Auch überzeugt mich das Motto ‚Jeder kann singen‘ – wie unser Chorleiter sagt.“ Auftritte hatte sie mit dem Chor bei der Klinikweihnachtsfeier, in der Heidelberger Fußgängerzone und der Tagesstätte in Langen. Sie freut sich auf den Chorbeitrag im Magazin „Mut & Liebe“. Bei ihrem letzten Frisörtermin hatte sie das Themenheft „Literatur“ dabei. Sie lacht: „Da musste ich nicht die Brigitte lesen.“ Erika Kraus, 53, kam zuhause nicht mehr raus, kann singen, traute sich aber nicht in einen Chor. Die Fallmanagerin der Integrierten Versorgung Psychiatrie von VersA-Rhein-Main hat ihr den Chor ans Herz gelegt. „Ich bin so schön aufgenommen worden, niemand fragte nach meiner Krankheit, der Chor hat mein Selbstbewusstsein wieder aufgebaut.“

Gesungen wird, was Spaß macht

Das Chorrepertoire ist kunterbunt wie die Chormitglieder. Alle Genres aus dem 20. Jahrhundert von Klassik über Schlager, Pop und Rock bis hin zu Geselligkeits- und Weihnachtsliedern finden sich auf den Notenblättern. Auch Medleys werden zusammengestellt und gesungen. Zu Beginn eines Projekts werden von 10 Liedvorschlägen 3 bis 4 neue ausgewählt. Zwischen „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Let it be“ oder „Earth Song“ von Comedian Harmonists, Beatles und Michal Jackson passen wunderbar Lieder wie „Kumbaya, my Lord“, „Veronika, der Lenz ist da“ und „Horch, was kommt von draußen rein“. Beim Klanggarten gibt es keine Grenzen. Gesungen wird, was Freude bereitet und das Gesangsniveau wächst von Projekt zu Projekt. Sopran, Alt, Tenor und Bass – drei- und vierstimmige Lieder sind für den KLANGGARTEN kein Problem. Für jeden ist stets etwas dabei. Mit dem breiten Repertoire können Auftritte zu jahreszeitlichen Festen, Gottesdiensten in Kirchengemeinden oder Weihnachtsfeiern in der Psychiatrie, Gesangsfesten und Straßenkonzerten umgesetzt werden.

Der Chorleiter als Konstante

Der Pfarrerssohn und Diplom-Psychologe Martin Meding, 46, ist Chorleiter mit Herz und Seele und bringt für den Chor die nötige Menschenkenntnis mit. Mit 15 Jahren beginnt er als Organist seine Laufbahn, macht seinen Posaunenchorleiterschein. Er leitet den Männerchor MGV Mörschbach, gründet den gemischten Chor „da capo“. Seit 15 Jahren ist der Systemische Therapeut beruflich in Fachkliniken zur Alkoholentwöhnung und Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie tätig, seit 2015 in einer Suchtberatungs- und behandlungsstelle. Neben der klassischen Beratungs- und Behandlungsarbeit sind für ihn Flügel und Klavier wichtige therapeutische Hilfsmittel. Von Martin Meding stammt auch das Motto „Jeder Mensch, der singen möchte, ist herzlich eingeladen“. Seit 2011 steht es auf jedem Plakat und es hat schon viele dazu ermutigt, selbst während eines stationären Klinikaufenthalts mitzusingen. Der Gründer des Offenbacher Projektchors legt bei den Proben einige Meter zurück: Am Klavier werden die Töne angespielt, vor dem Chor dirigiert, Teilnehmern am Notenblatt die Stimmen erklärt, mit Textmarker gekennzeichnet. Mal spielt eine Hand am Klavier und die andere dirigiert, mal leistet er in Dirigentenpose vor dem Chor „Ganzkörpereinsatz“. Die Stiftung Lebensräume finanziert das Chorleiterhonorar, der Verein Lebensräume e.V. das jährliche Chorprobenwochenende auf der Ebernburg.

Neue Lebensfreude

„Das gemeinsame Singen im Chor schafft ein Erleben, das niemand alleine erreichen kann“, erzählt Martin Meding zur Grundidee des Inklusionschors. Er beobachtet auch, dass es eine hilfreiche Erfahrung ist, von der Chorgemeinschaft getragen und gestützt zu werden – gerade dann, wenn es ein Mensch psychisch sehr schwer hat. Für seelisch Erkrankte  ist es nicht einfach, am kulturellen und gemeinschaftlichen Leben teilzuhaben. Beim Chor kann jeder bei Projektbeginn entscheiden, ob er wieder teilnehmen und bei den Auftritten dabei sein möchte.  Auch Menschen in Krankheitsphasen finden ihren Platz und selbst „bizarres Verhalten“ oder längere Ausfälle während Klinikaufenthalten tragen die Teilnehmer mit.  Das ist in anderen Chören nicht so – „da wird Druck ausgeübt und Menschen ausgeschlossen“, weiß Martin Meding von Teilnehmern zu berichten. Elisabeth Wagner ist nach schwierigen Chorphasen und einem Klinikaufenthalt jetzt über ein Jahr regelmäßig dabei und eine „große Stütze im Sopran“, sagt wertschätzend der Chorleiter. Erika Lang, 53, beschreibt sich als „selbstunsicher und ängstlich“. Erst nach dem dritten Projekt nahm sie „bei einem Auftritt teil“. Beim letzten Weihnachtskonzert sang sie im Trio. Von Außenstehenden wird nach einer Krankheitsphase der Unterschied von „Gesunden“ und „Kranken“ nicht bemerkt, die Grenzen vermischen sich. „Und das ist gut und schön so“, freut sich Martin Meding und fügt hinzu: „Am Ende steht das Erfolgserlebnis: Ein Stück wird vierstimmig aufgeführt, alle singen mit, sind für den Erfolg verantwortlich, teilen gemeinsam ihre Freude.“

CHORPROBEN
Jeweils mittwochs von 17:00 bis 18:30 Uhr im Gemeindesaal der Mirjam-Gemeinde, Waldstraße 74 in Offenbach statt.

NÄCHSTER AUFTRITT
Am Mittwoch, 22. März 2017 gibt der KLANGGARTEN ab 15:30 ein öffentliches „Kleines Frühlingskonzert“ in der Aula des Caritas Seniorenheims „St. Elisabeth“, Schumannstraße 172 in Offenbach/Rosenhöhe.

Der Text wurde unter dem Titel "Alle können im KLANGGARTEN mitsingen" im Stadtmagazin "Mut & Liebe", Ausgabe 22/2017 veröffentlicht. Klicken Sie hier.
Text und Bild: www.allemunde.de

Kontakt: Martin Meding, Kontaktformular