06. September 2017

Neue Räume für LEBENSRÄUME

Die Stiftung LEBENSRÄUME Offenbach am Main ist umgezogen, der Geschäftssitz der gemeinnützigen Organisation ist nun seit Juli 2017 in der Ludwigstraße 4 untergebracht. Ein moderner Träger der freien Wohlfahrtspflege verwaltet und steuert Hilfen für psychisch kranke und behinderte Menschen in den alten Industrieräumen einer anderen Epoche. Ein interessanter Kontrast.

Industrieräume für die Geschäftsstelle

Ich nehme Platz in einer wunderschön restaurierten Industrie-Umgebung, die in den 1900er Jahren einmal die Lederwarenfabrik J.G. Höfle war. Gabriele Blechschmidt und Klaus-D. Liedke vom Vorstand der Stiftung LEBENSRÄUME sitzen mir gegenüber in den Räumen der ehemaligen Zuschneiderei. Möbel stehen auf grauem Teppich, der neu eingebrachte Betonboden ist mit einer Fußbodenheizung ausgestattet. Von der Decke hängen zwischen Stahlträgern Bolich-Leuchten im Industriedesign des 20. Jahrhunderts. Ehemalige Produktionsstätten wandeln sich zu modernen Arbeits- und Lebensorten. LEBENSRÄUME nutzt die traditionelle Lage entlang der Ludwigstraße und knüpft an die Geschichte der Stadt an, um von hier aus soziale Dienste zeitgemäß zu organisieren. „Früher wurden Waren an einem Ort hergestellt und die Produkte von dort ausgeliefert. Heute hat sich das herumgedreht. Helfende Dienste werden lebensnah vor Ort und bei den Menschen produziert, aber das Netz der Mitarbeiter und Hilfeleistungen wird zentral organisiert.“ erzählt Klaus-D. Liedke, Vorsitzender der Stiftung LEBENSRÄUME, zur Bedeutung der Firmenzentrale. Für Gabriele Blechschmidt sind die neuen Räume im Ludwigloft „ein neuer Impuls für die inhaltliche Arbeit“. Sie fügt hinzu: „Das inspirierende Arbeitsumfeld ist Aufforderung und Ermutigung zugleich.“

LEBENSRÄUME ist in der Region Offenbach fest verwurzelt, seit langem Teil des Lebens der Bürgerinnen und Bürger. Wer psychisch und sozial beeinträchtigt ist, erhält individuell Rat und Hilfe. Wer selbst helfen möchte, findet in LEBENSRÄUME eine Organisation, die dem Gemeinwohl dient. „Wir haben den Geschäftssitz bewusst im Offenbacher Süden nahe dem Klinikum gesucht und im Ludwigloft urbane Räume gefunden, die Wohnen und Arbeiten, Geschichte und Moderne verkörpern“, so der Stiftungsvorsitzende. 

Vom Leder zum Sozialen

Soziale Arbeit ist heute anspruchsvoll – nicht geringer wie einst Zuschnitt und Fertigung „Feiner Lederwaren“. Menschen mit psychosozialen Handicaps brauchen Rat und Hilfe, Arbeit und Beschäftigung, die Möglichkeit zum Wohnen und Leben und das alles auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten. Modelle der 1970er Jahre mit großen Wohnheimen und Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind kaum noch zeitgemäß. Betroffene Personen sollen heute integriert dort leben, wo andere Bürger auch  zuhause oder tätig sind. In gesunden und an kranken Tagen. Inklusion - so fordert es die UN-Behindertenrechtskonvention und das Bundesteilhabegesetz seit neustem. Bis in den 1970er Jahren war Offenbach beinahe weltgeschichtlich prägend für die Produktion und Verarbeitung feiner Lederwaren. Die Fertigung ist heute weitgehend nach Asien verlagert, geblieben sind Gebäudeanlagen der Lederwarenfabriken. Sie bieten heute kreativen und dienstleistenden Menschen hochwertigen Arbeitsraum, oft durchmischt und verbunden mit Wohn- und Lebensraum (vgl. Mut & Liebe, Portrait Prof. Wolfgang Henseler, Titelthema „Ludwigstraße“, Ausgabe 16). Auch LEBENSRÄUME fühlt sich in dieser Umgebung wohl, weil sich hier Kultur und Lebensstil begegnen, weil „Büroalltag und Wohnviertel lebendig verbunden sind“, wie es Gabriele Blechschmidt ausdrückt. 

Zentrale für anspruchsvolle Dienstleistungen

Mit dem Wachstum des Sozialunternehmens in der Region Offenbach und im Rhein-Main-Gebiet wurde auch für die Geschäftsstelle ein neuer räumlicher Zuschnitt erforderlich. Jetzt hat die Zentrale der Stiftung auf 3 Etagen 600 m² für ihre anspruchsvollen Aufgaben in den Arbeitsbereichen Administration, Informationstechnologie (IT), Projektentwicklung und -steuerung zur Verfügung. 

Im Erdgeschoss befindet sich auf zwei Ebenen die IT mit Softwareentwicklung. Im 7 Meter hohen Raum wurde eine offene Stahlgalerie eingebaut. Sechs Arbeitsplätze und ein Besprechungsraum sind an bodentiefen Fenstern untergebracht. Inmitten zweier Lastenkräne mit 1,5 Tonnen Tragkraft wird heue „virtuell“ an Computern „geschraubt“. „Hier trifft die Welt der Stahlkräne auf das Zeitalter Web 4.0“, ergänzt Gabriele Blechschmidt, stellvertretende Stiftungsvorsitzende und Leiterin der Geschäftsstelle. Hier produzierte nach der Lederwarendynastie Herdt & Buss  Fahrzeugelektrik (heute in Heusenstamm), später die Firma „Zimmer Plastic“ Kunststoffe für Kopierer, zuletzt wurden Kawasaki-Motorräder repariert. 

Im dritten Obergeschoss hat die Administration der Stiftung mit Buchhaltung- und Rechnungswesen, Immobilienverwaltung und Personalabteilung sechs moderne Arbeitsplätze in Zweiergruppen eingerichtet. Alles ist hell und freundlich, bis zu 12 Personen können sich an einem großen Tisch versammeln. Eine knallig orangefarbene Ecke mit grauem Sofa ist ein echter Hingucker. 

Eine Etage höher ist der Stiftungsvorstand eingezogen. Drei verglaste Büros und ein geräumiger Mehrzweckraum für Besprechungen und Fortbildungen sind hier untergebracht. Freigelegtes Backsteinmauerwerk, überglaste Außentreppenanlagen mit industriegrauen Geländern verkörpern Industrie Style.

Industriekultur und soziale Verantwortung

Die industrielle Produktion im 20. Jahrhundert hatte Heerscharen von Fach- und Hilfskräften in Lohn und Brot gebracht. Das hat sich geändert. Die deutschen Großstädte haben sich zu Dienstleistungszentralen entwickelt, die beruflichen Aufgaben und Anforderungen sind komplexer geworden. Weggefallen sind einfache Tätigkeiten für ungelernte Arbeitskräfte und Menschen mit eingeschränktem Leistungsvermögen. 

Zentrale Aufgabe von LEBENSRÄUME ist heute, für diese Menschen neue Beschäftigungs- und Wohnmöglichkeiten zu entwickeln. Dabei muss das Sozialunternehmen die Bedürfnisse des Einzelnen und der Solidargemeinschaft zueinander bringen. Unter dem Motto „Soziale Dienste für Mensch und Gemeinschaft“, bringt die Stiftung ihre Arbeit tagtäglich auf den Punkt. Niemand soll aufgrund von Behinderung auf der Strecke bleiben, die Gemeinschaft nicht über Gebühr strapaziert werden. Aktuell wird an fünf Zukunftsprojekten gearbeitet, die Immobilienentwicklung ist dabei die größte Herausforderung. 

Der Text wurde im Stadtmagazin "Mut & Liebe", Ausgabe 24/2017 veröffentlicht. Klicken Sie hier.  
Text und Bilder: www.allemunde.de

Kontakt: Gabriele Blechschmidt, 069 83 83 16-0, Kontakt