19. Mai 2017

Wo wir herkommen

Das tägliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kulturen und Religionen ist von gegenseitigem Verständnis und Hilfsbereitschaft geprägt. Ob bei „türkisch Tee“, Basmatireis mit Gemüse und Geflügel nach pakistanischer Art oder beim Reden über Alltagserlebnisse werden Freude und Leiden geteilt. Dabei spielen selbst geringe Deutschkenntnisse keine Rolle. Für Zündstoff hingegen sorgen „komplizierte Anträge und Formulare“ für benötigte Hilfeleistungen – bis hin zu massivem Ärger und Stress mit Mitarbeitern. LEBENSRÄUME hat Klienten zu einem „Interkulturellen Erzählcafé“ ins Offenbacher Café FRIEDA am Büsingpark eingeladen und zum Thema „Interkulturelle Aspekte in der Sozialpsychiatrie“ befragt.  

Bei der Stiftung LEBENSRÄUME werden nach einer Umfrage vom September 2016 Klienten aus 37 unterschiedlichen Herkunftsländern mit ebenso vielen Sprachen in den Bereichen Gesundheitssorge, Wohnen, Tagesgestaltung und Teilhabe am Arbeitsleben professionell unterstützt. Von insgesamt 840 betreuten Menschen mit einer psychischen Erkrankung haben 127 einen Migrationshintergrund. 200 Mitarbeiter kommen aus 19 Ländern und sprechen 16 Muttersprachen. 

Beim „Interkulturellen Erzählcafé“ im Café FRIEDA sind drei Kontinente vertreten: Afrika, Asien, und Europa. Die bunteste Gruppe stellt eine Wohngemeinschaft mit vier Frauen aus den drei genannten Erdteilen. Die Bewohnerinnen kommen aus den Ländern Mosambik, Deutschland, Pakistan und der Türkei. 

Die Teilnehmer erzählen bei Kaffee und selbstgebackenen Kuchen lebendig über ihre Herkunftsländer und Klinikaufenthalte, ihre Kinder, Ehescheidungen und das Zusammenleben in den Wohnquartieren und Tageseinrichtungen. Menschen aus den entferntesten Ländern mit ihren sozialen und kulturellen Lebensgewohnheiten, ihren Religionen und unterschiedlichen Essgewohnheiten gehören in der Region Offenbach zum Alltag, sind Normalität, das Bekannte, Vertraute. 

Genauer nachgefragt hingegen wird von den Afrikanerinnen bei „DDR“ als Herkunftsland und was die Buchstabenabkürzung bedeutet. Elisabeth M. aus Ostdeutschland, 53, muss erklären. Sie erntet nicht wenig Verwunderung, als sie erzählt, dass sie in einer „international geprägten Studentenstadt“ aufgewachsen ist, mit einem Pakistaner und einem Vietnamesen zwei Ehen hinter sich und daraus jeweils einen erwachsenen Sohn habe. Als Facharbeiterin arbeitete sie in der Lederwarenbranche und kam vor 20 Jahren ausgerechnet in die Lederstadt Offenbach. Diese Geschichte hat so niemand erwartet.

Wir kochen alles selbst

Die Frauen der Wohngemeinschaft hat ohne Zweifel ihre Erkrankung und die damit erfahrenen Schicksale mit Trennung von Kindern und Partnern zusammengeschweißt – auch der Verlust von einträglicher Erwerbsarbeit und dem daraus folgenden chronischen Geldmangel. So ist es umso erstaunlicher zu hören, wie es ihnen zu gelingt, ihren Alltag gemeinsam zu bewältigen. 

Leyla C., 56, kommt aus der Türkei. Das Thema „Krankheit“ steht beim Erzählen im Vordergrund: „Viel krank, kaputter Kopf, Stress in der Wohngruppe“. Lieber würde sie in einer eigenen Wohnung leben, sagt sie und schildert, als Kind vom Onkel geschlagen worden zu sein, weint plötzlich. 

Ihre türkische Freundin Aygül Ö., 55, holt aus ihrer Tasche ein Päckchen Papiertaschentücher, steht auf, geht um den Tisch, reicht ihr eines. Leyla C. bedankt sich und schildert erleichtert, dass sie in der Frauen-WG gerne „gut türkisch Tee“ kocht. Ihre drei Mitbewohnerinnen ergänzen postwendend: „Kannenweise“ und „mindestens dreimal am Tag“. Alle lachen. Auch Leyla C. ist nicht mehr nach Weinen zumute, sie erzählt, dass sie in der Wohngemeinschaft gebratene Paprika und Tomaten zubereitet habe, auch Tortellini. „Wir kochen alles selbst.“

Und abends, erzählt die 41-jährige Zulu M. aus Mosambik, sitze Leyla C. jetzt gerne mit ihr und den anderen im Wohnzimmer beim Fernseher. Filme im ZDF, ARD, Tele5. „Wenn ich sage, sie kann in ihr Zimmer gehen und ihre Ruhe haben, bleibt sie da, auch die anderen Frauen. Früher saß nur ich am Fernseher, den anderen war es zu laut.“ Leyla C., die eingangs äußerte, lieber alleine wohnen zu wollen, gibt zu: „Alleine leben ist auch nicht gut“. Alle lachen wieder, erst recht, als Zulu M. hinzufügt: „Ist doch Komödie“. Niemand ist ihr dafür böse, die Spontanität ist erfrischend, mangelnde Sprachkenntnisse und kulturelle Unterschiede scheinen der Gemeinschaft unter Kranken eher gut zu tun. Klagen und Lachen sind zwei Seiten einer Medaille. 

Shumaila O. aus Pakistan, 45 und Mutter von drei Kindern, kocht für die Frauen-WG gerne mit Basmati-Reis, Gemüse und Geflügel. Ihre Mitbewohnerinnen sind begeistert.

Johanna Sennert, 47, Fachkrankenschwester, unterstützt die Frauen-WG und ist vom Zusammenleben beeindruckt. Sie bestätigt das gelungene Miteinander: „Die Hausgemeinschaft ist genial. Die Frauen trösten sich.“

Hier ist es viel kreativer

Zulu M. aus Mosambik lebt nach einigen Jahren in Frankreich nun seit 9 Jahren in Deutschland, gründete eine Familie, hat einen 12-jährigen Sohn und ist geschieden. Sie erzählt gerne von Afrika, davon, dass „die Menschen viel lachen, draußen zusammen sind, das Leben frei ist“. Sie findet, dass die Deutschen sich mehr im Haus aufhalten. Das hört sich nach Stubenhockerei an. Ist aber nicht so gemeint. 

Zulu M. empfindet es heute als angenehm. „Die Ruhe tut mir hier gut, in Afrika sind die Menschen so laut.“ An Deutschland schätzt sie auch, dass es „bessere Medikamente“ gibt und man „ins Krankenhaus gehen kann, wenn man krank ist“. Das sei in Afrika nicht so. Sie erzählt, dass dort mit Akutkranken auf der Straße Spott getrieben und mit „Steinchen“ nach ihnen geworfen werde. Sie hat sich entschieden hierzubleiben, auch wenn die zweite Seele in ihrer Brust für Afrika schlägt. 

Leyla C. verbringt jedes Jahr ab Ende Juni 7 Wochen bei Verwandten in Anatolien. Ihre Augen strahlen beim Erzählen. Auch dieses Jahr freut sie sich nach der Winterkälte auf ihren Sommerurlaub: „Immer miteinander sprechen, gut Tee, Kaffee, viel Sonne, gut warm.“ Sie würde lieber in der Türkei leben, sagt aber, dass ihre Familie hier lebe. Sie kam als junges Mädchen mit ihren Eltern nach Offenbach. Ihre Mutter ist mittlerweile an Krebs verstorben. Leyla C. lebt im Kreis Offenbach. Jedes Wochenende besucht sie ihren Vater und Bruder in Offenbach. 

Auch Elisabeth M. fühlt sich hier wohl, wird bleiben. In der DDR war sie mit ihren beiden asiatischen Ehemännern „das schwarze Schaf“ in der Familie. „Hier ist es viel kreativer, das Leben viel freier und es wird einem weniger vorgeschrieben.“ Seit kurzem besucht sie die Tagesstätte und findet das „Multikulturelle“ toll. Ihre Familie im Osten besucht sie nicht mehr. 

Wo wir Unterstützung brauchen

Das deutsche Antrags- und Formularwesen für Unterstützungsleistungen ist auch bei vielen hier Geborenen und Aufgewachsenen nicht gerade einfach. „Menschen aus Afrika und Asien können nicht verstehen, warum es in Deutschland so viele Formulare gibt, alles so kompliziert ist“, erzählt Johanna Sennert. „Da kommt es schon mal richtig zu Stress und Ärger.“ Sie nennt als Beispiel den Medizinischen Dienst der Krankenkassen – MDK. Eine Bewohnerin im Stationären Wohnbereich konnte nicht nachvollziehen, warum mit „Papieren“ die Pflegestufe geprüft werden müsse. Über Tage sei sie sehr beunruhigt gewesen und habe Angst gehabt, das Wohnhaus verlassen zu müssen. 

Wenn mit den Anträgen alles unter „Dach und Fach“ ist und die Alltagsversorgung sichergestellt, ist der nächste Ärger vorprogrammiert, so die Fachkrankenschwester: „Die Menschen verstehen nicht, warum es so wenig Geld zur freien Verfügung gibt.“

Aygül Ö. ist sehr religiös und geht wöchentlich in die Moschee. Für die anderen geht sie einfach in die Kirche. Auch betet sie im Wohnhaus täglich. Heute musste sie das Gebet wegen des Erzählcafés ausfallen lassen. „Die Gemeinschaft ist wichtiger.“ Wöchentlich besucht die 50-jährige einen Deutschkurs. Sie ist seit vier Jahren geschieden und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Aygül O. will selbstständiger werden und im Alltag besser zurechtkommen. Drei Stunden in der Woche sitzt sie bei der vhs im Unterricht, in ihrem kleinen Zimmer im Wohnheim werden die Hausaufgaben erledigt. 

Ulrike Kube, 31, Ergotherapeutin in der Offenbacher Tagesstätte, berichtet, dass in regelmäßigen Abständen eine „Internationale Küche“ angeboten werde. „Wir motivieren Besucher aus anderen Ländern, ihre Lieblingsrezepte mitzubringen.“ In der Kochgruppe werden Zubereitung und Einkauf besprochen. Es wird gemeinsam gekocht, die „Köchinnen und Köche“ tauschen sich dabei über die Essgewohnheiten ihrer Länder und ihre Lebenserfahrungen aus. „Das tut allen gut.“ Und ganz nebenbei werden neue Vokabeln gelernt, Freundschaften geknüpft. „Wir achten sehr darauf, dass auch beim Kochen die deutsche Sprache gesprochen wird und möchten damit erreichen, dass sich die Besucher in ihrem Alltag ohne unsere Hilfe besser zurechtfinden“, ergänzt die Mitarbeiterin.

Karla M., 58, ist in der ehemaligen BRD geboren und aufgewachsen. Sie äußert spontan ein Herzensanliegen: „Ich bräuchte Hilfe beim Renovieren meiner Wohnung. Es müsste gestrichen werden.“  Sie kann die Arbeit alleine nicht erledigen, läuft mit dem Rollator und kann auf keine Leiter steigen. Sie fügt hinzu: „Es fehlt auch das Geld, um dafür jemand bezahlen zu können.“

Wir dolmetschen für die Mitarbeiter

Der Besucher Mehmet C., 42, fungiert für seine türkischen Landsleute regelmäßig als Übersetzer bei Alltagsfragen in der Tagesstätte. Das entlastet andere Besucher ebenso wie Mitarbeiter. Gerade beim „lästigen Papierkram“ und bei Behördenkontakten lassen sich so Ärger und Ängste für alle Beteiligten vermeiden, das Zusammenleben erträglicher gestalten. Die Mitarbeiter schätzen die „Inhouse-Dolmetscherdienste“ für verschiedene Sprachen. „Wir holen die Sprachkundigen zu Gesprächen hinzu - sie erleichtern uns die Arbeit mit Besuchern mit geringen Deutschkenntnissen erheblich“, erzählt Ulrike Kube mit Stolz und Anerkennung.

Besucher und Bewohner unterstützen sich aber auch untereinander bei sprachlichen Defiziten. Das ist für beide Seiten gut. Der „Dolmetscher“ fühlt sich gebraucht, erfährt Anerkennung, der Schwächere hat im „Sprachchaos“ einige Sorgen weniger, ist am sozialen Leben beteiligt.

Gemeinsam gelesen werden auch die Tageszeitung und das kostenlose Heimatblättchen. Vor allem die Werbebeilagen der Discounter. Schließlich erledigt die Frauen-WG ihren Lebensmitteleinkauf selbst. Sarah K., 48, ist in Israel geboren und hat dort ihre Kindheit verbracht. Sie bringt die entscheidenden „Schlüsselqualifikationen“ für ein angenehmes Zusammenleben mit: empathisch, ausgesprochen freundlich, ausgleichend, kommunikativ, motivierend und rundum ein Ruhepol. Sie hat einige Jahre im Wohnheim gelebt und freut sich jetzt über ihre eigene Wohnung. Sie ist erst wenige Monate in der Tagesstätte, fühlt sich von Anbeginn „pudelwohl“. 

Sarah K. ergänzt: „Ich schätze das Zusammensein in der Gruppe. Die Gemeinschaft ist sehr gut.“ Die Israelin hört aufmerksam zu, hat stets ein freundliches Wort, fragt nach, ob sie noch was tun könne, wenn sie ihren Sitzplatz verlässt. Als sehr positiv erlebt Sarah K., dass „auf alle Kulturen eingegangen wird und alle Menschen wertschätzend behandelt werden, egal woher sie kommen.“ Das möchte sie täglich ihren Mitmenschen zurückgeben. Sie wünscht sich gemeinsame Ausflüge, möchte mit den Besuchern eine schöne Zeit verbringen.

Ein neuer Kollege erzählt

Der Diplompädagoge Petre Guia, 49, hat vor kurzem im Arbeitsbereich „Hilfen zur Tagesgestaltung“ seine Tätigkeit bei LEBENSRÄUME aufgenommen. Der rumänische Kollege bringt über zweieinhalb Jahrzehnte Berufserfahrung in der Drogen- und Jugendhilfe mit. Er ist beeindruckt: „Diese ganz besondere und familiäre Atmosphäre kannte ich in meiner bisherigen Berufslaufbahn nicht.“

Der „junge Mitarbeiter“ erzählt, dass die Besucher ... Lesen Sie den vollständigen Artikel hier.

Der Artikel wurde in der Zeitschrift "Treffpunkte" 2/2017 veröffentlicht. Bilder: Tagesstätte Langen, Ytong-Kunstwerke. Text: Johann Kneißl, www.allemunde.de