05. März 2018

Dr. med. Till Glauner im Gespräch

Seit wann sind Sie in Offenbach?
 Seit Dezember 2012 bin ich als Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Sana Klinikum tätig. Die Kickers und die Klinik von Professor Bauer waren mir ein Begriff, doch wo Offenbach eigentlich liegt, wusste ich zunächst nicht.

Sie waren lange in Berlin ?
Ja, studiert habe ich an der Freien Universität Berlin und war dann an städtischen Häusern tätig. Zuletzt als leitender Oberarzt im Vivantes-Wenckebach-Klinikum in Tempelhof.


Dr. med. Till Glauner ist Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an Sana Klinikum Offenbach und Mitglied des Aufsichtsrates der Stiftung Lebensräume

Können Sie mir zur Geschichte der Psychiatrie hier in Offenbach etwas sagen?
Die Psychiatrie hier ist dadurch ausgezeichnet, dass es letztlich die erste Abteilungs-Psychiatrie an einem Allgemeinkrankenhaus war, die außerhalb von Modellprojekten in die Pflichtversorgung gegangen ist. Vor der Psychiatrie-Enquête 1975 war die Psychiatrie in großen Landes-Nerven-Kliniken mit bisweilen 2.000 Betten organisiert. Ab 1975 war klar, die Psychiatrie muss anders organisiert werden. Da war das Klinikum Offenbach die erste, die 1981 als pflichtversorgende Klinik für Stadt und Kreis Offenbach ans Netz gegangen ist. Prof. Manfred Bauer aus Hannover als ein wichtiger Reformpsychiater, eine herausragende Persönlichkeit, hat das Klinikum maßgeblich geprägt.

Das heißt, Psychiatrie weg vom Wegsperren, wie man das bis dahin handhabte, hin zu einer ambulanten Psychiatrie?
Eher hin zu einer gemeindenahen Psychiatrie, wo der Mensch in seiner Lebenswirklichkeit gesehen wird, möglichst im Zentrum der Gemeinde, so war es gedacht und so verstehen wir uns auch nach wie vor. Wir sind eine Abteilung, ein Teil des Krankenhauses und der Versorgung hier in Offenbach und Umgebung.

Das heißt zu Ihnen kommen Menschen, die entweder zwangseingewiesen werden, sich selber einweisen oder vom Arzt überwiesen werden?
Die Mehrzahl kommt freiwillig. Menschen, die einen Bedarf an psychiatrischer Hilfe haben, kommen in die zentrale Notaufnahme und dann zu uns. Ein kleiner Teil wird eingewiesen, ein noch kleinerer Teil wird von der Polizei gebracht. Man denkt, die meisten wären nicht freiwillig da – ein Irrtum.

Laut Statistik erkranken oder leiden 25 bis 30% der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer psychiatrischen Auffälligkeit.
Was nicht heißt, dass stationär behandelt werden muss. Wenn man überlegt, dass jede Altersdemenz, Suchterkrankung, Depression ein psychiatrisches Krankheitsbild darstellt, dann kann man die Zahlen besser verstehen. Es ist viel häufiger, viel normaler, als man glaubt und schaut man auf die Zahlen, dann gibt es auch in unserer unmittelbaren Nähe sicher jemanden, der Hilfe bedarf oder bedurfte.

Setzt sich die Statistik auch auf die älteren Menschen bezogen fort oder sind da die Zahlen höher?
Das ist eine schwierige Frage und sicherlich von Krankheitsbild zu Krankheitsbild unterschiedlich. In der Natur der Sache liegt es, dass Alterserkrankungen, Gedächtnisstörungen und Demenz im Alter zunehmen, das gehört zum Älterwerden dazu. Aber wir wissen, dass alte Menschen häufig an nichterkannten psychiatrischen Beschwerden leiden.

Im Zuge von Alzheimer oder Demenz können Symptome übersehen werden?
Genau! Keine Lust auf Kontakte, Lustlosigkeit wird als „altersgerecht“ hingenommen, vielleicht ist es aber eine Depression. Hier sind vor allem die Hausärzte gefragt, aber auch die Angehörigen. Wenn diese plötzlich das Gefühl haben, dass Veränderungen auftreten, die sie nicht verstehen, ist es ratsam, einen Therapeuten oder Psychiater hinzuzuziehen. Bestimmte Erkrankungen nehmen nicht zu. Wer nie im Leben depressiv war, wird im Alter wahrscheinlich keine schwere Depression bekommen; Schizophrenie bekommt man im Alter auch nicht mehr.

Auch wenn die Stigmatisierung, die Stereotypen der Angst vor dem Psychiater, ein Dilemmaist, was für ältere Menschen um so mehr gilt, da sie mit der „alten“ Psychiatrie großgeworden“ sind – mit dem Bild der Anstalt?
Obwohl sich da einiges verändert. War noch bis vor 10 bis 15 Jahren Depression ein unaussprechbares Krankheitsbild, outen sich heute Prominente, die sagen: Ich bin depressiv, sogar bis zu suizidalem Verhalten. Das hilft viel, die Stigmatisierung psychiatrischer Erkrankungen zu reduzieren.

Man hört immer wieder, dass es andersherum auch schwierig ist, an eine psychiatrische Beratung zu kommen – Stichwort Seniorenheime?
Wir als Psychiater, nicht als Klinik, würden uns wünschen, dass Pflegeheime durch Fachärzte besser betreut werden. Das ist eine originäre Aufgabe der ambulanten Versorgung, der Praxisärzte. 

Ein unterschätztes Thema – alte Menschen und Suizide?
Sicher, der häufigste Grund für Suizid bei Männern über 70 ist, wenn die Aufnahme ins Pflege- oder Altersheim droht. Männer leiden nicht, bekommen keine Depressionen und gehen nicht ins Altenheim und schon gar nicht zum Psychiater. Eine aufsuchende psychiatrische Vorsorge und Versorgung wäre wünschenswert.

Werden alte Menschen häufiger stationär aufgenommen – abgeschoben?
Wenn ein alt gewordener Mensch Depressionen bekommt, dann wird er genauso behandelt wie ein junger. Wir haben das Prinzip der therapeutischen Gemeinschaft, wir haben keine spezielle gerontopsychiatrische Station. In Untersuchungen, in denen ältere Menschen gefragt wurden, ob sie auf einer Station mit gleichaltrigen behandelt werden wollen oder mit jüngeren, hat eine überwiegende Mehrheit für eine Mischung votiert. Weil man sich jünger fühlt und die Lebendigkeit einer gemischten Station den Älteren zugute kommt. Sowieso sollte die stationäre Behandlung so kurz wie möglich sein, da kognitive Fähigkeiten im klinischen Alltag verloren gehen. Wer also noch in der Lage ist, einkaufen zu gehen, Kaffee zu kochen, sollte auch schnell zurück ins gewohnte Umfeld, mit entsprechender ambulanter Betreuung.

Angehörige auch ein Thema?
Sicher, wir haben es mit Angehörigen zu tun, die sich überfordern, weil sie nicht informiert sind über Pflegestufen, Pflegestationen, Pflegegeld. Wir müssen vermitteln, dass es Hilfen gibt und im häuslichen Rahmen oft mehr geht, als man glaubt. Mit einfachen technischen Hilfen lassen sich in der Pflege viele Dinge so arrangieren, dass es nicht sofort das Altersheim sein muss, insbesondere wenn die Betroffenen nicht wollen.

Gibt es so etwas wie eine palliative Psychiatrie, wenn Heilung im Zusammenhang mit Demenz oder Alzheimer nicht möglich ist?
Heilen – ein großes Wort! Man kann helfen, unbesehen vom Alter oder Nebenerkrankungen. Wenn ich zum Beispiel eine Depression erkenne, auch im Rahmen einer Demenz, würde ich diese konsequent, unter Umständen auch pharmakologisch behandeln. Was nicht passieren darf: Den Menschen aufgeben. Linderung und Verbesserung der Situation gilt es jederzeit anzustreben. 

Wie sehen Sie die ambulante Versorgung? Ist es wünschenswert, mehr Patienten in einem anderen als klinischem Rahmen zu behandeln.
Im Idealfall hat man eine personell kontinuierliche Betreuung, von der „Wiege bis zur Bahre“. Wir haben aber ein fragmentiertes System in Deutschland: Das Krankenhaus dort, die komplementären Versorger da, die Behindertenhilfe und Eingliederungshilfe, Obdachlosenhilfe und Rente. Man ist auf eine gute Kooperation mit den komplementären Angeboten angewiesen. So wie unser Krankenhaus zum Beispiel mit der Stiftung Lebensräumen kooperiert, indem Informationen und Therapieansätze weitergegeben werden, um eine kontinuierliche Behandlung zu ermöglichen.

Wie sehen Sie da die Versorgung in Offenbach?
Im Großen und Ganzen funktioniert das in Offenbach aus meiner Sicht gut. Wir haben ein gutes Netz an weiterführenden Einrichtungen: Betreuung durch das Gesundheitsamt, Stiftung Lebensräume mit betreutem Wohnen, Tageseinrichtungen, Integrationsfachdienst.

Aber?
Ein Problem sind die Schnittstellen, verschiedene Finanzierungen und Zuständigkeiten – aber das sind politische Fragen. Aus medizinischer Sicht würde man sich eine personelle Kontinuität über die Grenzen des Versorgungssystems hinweg wünschen. 

Eine intensivere Informationspolitik?
In jedem Fall, um Stigmatisierung und Vorurteile abzubauen und Hilfen zu zeigen. 

Wir haben es zunehmend auch mit älteren Menschen mit Migrationshintergrund zu tun. Werden die erreicht?
Ein brisantes Thema, man sollte meinen, dies würde in Offenbach einschlagen wie eine Bombe, aber zu den Veranstaltungen in der VHS kamen zu meinem Leidwesen viel zu wenige. Es geht um kultursensible Pflege und Betreuung, das wird in den nächsten Jahren mehr werden. Wir müssen informieren und aufklären. 

Eine Prognose für die Zukunft, wie sich unsere Gesellschaft mit der demographischen Entwicklung in der Pflege und Betreuung entwickelt.
Es wird einen grundlegenden Wandel geben, wenn die geburtenstarken Jahrgänge auf die geburtenschwachen treffen. Ohne romantisch zu werden: Wir werden auf kommunale, nachbarschaftliche Fürsorge zurückkommen müssen. Noch fehlen Strategien und Ideen, wie sich Pflege und Betreuung in zwanzig Jahren umsetzen lassen. Mehr-Generationen-Einrichtungen, eine verpflichtende kommunale, nachbarschaftliche Hilfe, das man sich in nächster Umgebung vielleicht um einen dementen Menschen kümmert, auch mit finanziellen Anreizen – alles denkbar. 
Ich würde sogar noch weitergehen wollen und sagen: Alles sollte unter einem Dach organisiert und finanziert sein, einschließlich Wohnungslosenhilfe, Behindertenhilfe, Eingliederungshilfe, um eine Versorgung am Betroffenen und nicht an Institutionen entlang zu gewährleisten – auch wenn dabei Partikularinteressen in Frage gestellt werden.

Herr Dr. Glauner, vielen Dank.

Der Text wurde im Kultur- und Stadtmagazin "Mut & Liebe", Ausgabe 26/2018 unter dem Titel "Im Gespräch mit Dr. med. Till Glauner" am 1. März 2018 veröffentlicht. Klicken Sie zum pdf hier.  
Text und Foto: Thomas Lemnitzer, www.lemnitzer-fotografie.de

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