18. Juni 2018

Im Gespräch mit Klaus-D. Liedke

Klaus-D. Liedke engagierte sich dreieinhalb Jahrzehnte mit viel Herzblut für LEBENSRÄUME. Der Fan und Förderer von Mut&Liebe spricht zum Ende seiner aktiven Berufslaufbahn mit dem Stadtmagazin über Persönliches, berufliche Erfolge, Herausforderungen der Sozialarbeit und eine neue „Sozialpsychiatrie auf Rädern“.

 

Herr Liedke, am 30. Sept. 2018 ist nach 36 Jahren bei Lebensräume Ihr letzter Arbeitstag. Wie werden Sie diesen Tag als scheidender Vorstandsvorsitzender gestalten?

Es gibt keinen letzten Arbeitstag. Der 1. Oktober ist Stichtag. An diesem Tag scheide ich aus dem aktiven Berufsleben bei LEBENS RÄUME aus. Mein Nachfolger Christoph Wutz wird zum 1. Juli die Amtsgeschäfte offiziell übernehmen. Drei Monate lang werde ich ihm in der Übergangsphase bis Ende September zur Seite stehen. Am 19. September 2018 wird es eine Fachveranstaltung mit anschließender Verabschiedung im Kreishaus in Dietzenbach geben. Wir haben hochrangige Referenten, die Herren Staatsminister Stefan Grüttner und Landrat Oliver Quilling sind dabei.

Der 1. Oktober wird für Sie nach 28 Jahren der erste Tag ohne Führungsverantwortung sein. Werden Sie in Ihren Fiat 500 steigen und Richtung Frankreich aufbrechen?

Von 1990-2010 war ich Geschäftsführer der LEBENSRÄUME GmbH, seit 2010 bin ich Vorstandsvorsitzender der neu gegründeten Stiftung LEBENSRÄUME – eine lange Zeit. Tatsächlich habe ich mir vorgenommen, einige Touren zu unternehmen und die Provence gehört zu meinen Lieblingsorten.

Apropos Autos: Mit 65 vom Volvo zum Fiat 500. Ist weniger mehr oder ist der kleine Flitzer ein Symbol für Ihre Wendigkeit, Agilität?

Ich verbinde damit ein Stück Jugend. Die Geschäftstätigkeit ist erledigt. Der Volvo war für mich mal wichtig. Jetzt brauche ich keinen großen Wagen mehr. Im Fiat 500 rumflitzen macht mir mehr Spaß. In meinen jungen Lebensjahren habe ich einen Fiat 850 Sport Coupé gefahren und viel daran rumgeschraubt.

Sie haben bei LEBENSRÄUME als Sozialpädagoge begonnen. Können Sie sich noch an ihren ersten Arbeitstag erinnern? Mit einer Wohngruppe im mittlerweile abgerissenen Schwesternwohnheim Spaghetti mit Tomatensoße gekocht und eine Kippe im Mundwinkel?

Kaffee trinken, rauchen, lange Haare – das war die Zeit. Aber wir haben die Arbeit mit großem Ernst erledigt. Wir hatten wenig Ahnung, mussten uns in die sozialpsychiatrische Arbeit einarbeiten, alles war neu. Die jungen Psychiater Prof. Dr. Manfred Bauer und Dr. Hartmut Berger am damaligen Stadtkrankenhaus hatten großes Vertrauen in unsere Arbeit, wir teilten unser kritisches Verständnis.

Sie sind nicht als Betriebswirt auf die Welt gekommen. Wie sieht ihr beruflicher Werdegang aus?

Ich bin ursprünglich gelernter Zeichner und Konstrukteur für den technischen Anlagenbau. Zuletzt war ich bis 1981 am Bau der Klimaanlage der Alten Oper Frankfurt beteiligt. Von 1972 bis 1975 hatte ich bereits in Frankfurt Sozialpädagogik studiert. Die Fachhochschule war seinerzeit allerdings eher eine politische Kaderschmiede und die eigentliche Ausbildung kam etwas kurz. Ich verbrachte danach einige Jahrein technischen Berufen, zwischendurch war ich Sanitäter bei der Bundeswehr. Als 1981 die Psychiatrische Klinik am Stadtkrankenhaus eröffnete, war das eine Art Weckruf. Von dort wurde der Offenbacher Verein zur Förderung seelisch Behinderter (heute LEBENSRÄUME) gegründet und am 03. Januar 1982 begann ich meine Arbeit. Nach einigen Jahren Betreuungstätigkeit übernahm ich 1991 die Leitung. LEBENSRÄUME wurde größer. Das nötige Handwerkszeug der Unternehmensführung habe ich mir dann nebenbei in einem betriebswirtschaftlichen Studium zugelegt, das ich 1998 abschloss. Die Praxis von Sozialarbeit und Betriebswirtschaft pflege ich auch in akademischen Kreisen und habe verschiedentlich zu „Sozialwirtschaft“ publiziert.

Sie waren über drei Jahrzehnte bei LEBENSRÄUME aktiv. Was waren Ihre großen Erfolge und was konnten Sie für das Sozialunternehmen erreichen?

Wenn ich weit zurückdenke, muss ich an die grässliche Psychiatrie von damals denken. Ich bin beim Roten Kreuz manchmal als Sanitäter nach Riedstadt in das Psychiatrische Krankenhaus gefahren. In den Hochzeiten gab es dort 1000 Betten, Kapelle, Zahnarzt, Friedhof - alles dabei. Wer chronisch erkrankte und behindert war, blieb oft lebenslang in den dortigen Langzeitstationen. 1976 hatte Offenbach dagegen gerade einmal 2 Nervenärzte. Die Offenbacher Psychiatrie und LEBENS RÄUME haben entscheidend dazu beigetragen, diese Zustände zu beenden. Wir entwickelten Wohn- und Beschäftigungsmöglichkeiten in Offenbach, sind heute ein mittelständiges Sozialunternehmen mit 200 Angestellten. Ich bin stolz auf das Erreichte.

Die Highlights?

Viele Highlights. Wir haben die heute in ganz Hessen verbreiteten Tagesstätten für psychisch behinderte Menschen entwickelt, bauten Gemeindepsychiatrische Zentren mit ambulanten Betreuungsangeboten in Stadt und Kreis Offenbach auf. LEBENSRÄUME hat früh begonnen, Wohnraum für betroffene Menschen zu schaffen und sie mit dem Nötigen in normaler Umgebung zu versorgen. Heute sind solche Konzepte der Teilhabe ganz modern und unsere Modelle kommen zu neuen Ehren. Eine Innovation sind unsere Integrationsfirmen. ESSwerk beschäftigt über 300 Menschen mit und ohne Handicaps im Bereich der Verpflegung an Schulen, Kindertagesstätten und anderen öffentlichen Einrichtungen. Das Zentrum für Arbeitshilfen ist in Offenbach und hilft mit Diagnostik und praktischem Training bei der Klärung, ob, was und wieviel jemand arbeiten kann. Ich habe den Verbund sozialpsychiatrischer Angebote, VersA Rhein-Main GmbH, gegründet, ein Zusammenschluss mehrerer Träger psychiatrischer Hilfen in der Region, der Leistungen der Integrierten Versorgung erbringt.

Und die schwarzen Tage?

Bei meiner Amtsübernahme hatte LEBENSRÄUME plötzlich hohe Schulden und auch noch andere Probleme. Diese Zeit war für mich aber auch eine riesige Chance. Ich hatte freie Hand, konnte Neues gestalten. Es ging aufwärts. 1995 gerieten wir durch eine unglückliche Spendenaktion in die Prüfung durch den Rechnungshof, das war unangenehm, hatte aber keine weiteren Folgen. Natürlich ging manches Schicksal der Menschen, um die wir uns kümmern, nicht spurlos an mir vorbei.

Was übergeben Sie ihrem Nachfolger, geben Sie ihm mit, damit Lebensräume in der Spur bleibt und sich weiterentwickeln kann?

Vor allem eine gesunde Substanz. Eine Firma, die wirtschaftlich stabil ist, fachlich vorbildlich arbeitet. Auch eine lernwillige und aufgeschlossene Belegschaft. 

Was bleibt für Sie und was nehmen Sie von den 36 Jahren bei Lebensräume mit?

Eine Menge Lebenserfahrung und Lebenserfüllung. Menschlich, kollegial und beruflich, sozialpädagogische und betriebswirtschaftliche Entwicklungen. Genossen habe ich die aufregenden Zeiten bei LEBENSRÄUME, ruhige gab es selten. Ich konnte eine Epoche Sozialpsychiatrie begleiten, lernte verstehen, konnte recherchieren und konzipieren, brachte Dinge gerne auf den Punkt und zu einem Ergebnis.

Es ist nicht davon auszugehen, dass Sie sich in den wohlverdienten Ruhestand begeben werden? Wofür werden Sie sich weiterhin engagieren?

Ich bleibe den Hochschulen für Soziale Arbeit in Frankfurt, Wiesbaden und Fulda verbunden. Dort werde ich weiterhin Sozialwirtschaft lehren. Themen sind Sozialrecht, Finanzen, Ökonomie der Betriebs- und Lebensführung. Im Übrigen habe ich einiges an Themen und Material aufzuarbeiten und möchte in Ruhe sehen, wohin es mich zieht.

Wir verlassen gedanklich LEBENSRÄUME. Sie könnten ab Juli die Sozialpsychiatrie nach 40 Jahren Psychiatrieenquete neu erfinden. Wie würde sie aussehen? Würden Sie als erstes wieder ein Wohnheim eröffnen?

Nein. Man kann die Entwicklung der Sozialpsychiatrie aber auch nicht überspringen. Wohnheime waren als Übergang notwendig. Die Menschen lebten über Jahre in der Psychiatrie und mussten nach Auflösung der Großanstalten an ihrem Wohnort untergebracht werden. Zwei Aspekte: Ich würde erstens ein ortsunabhängiges mobiles Team mit Sozialarbeitern, Fachkrankenschwestern, Ergotherapeuten, Psychologen und Pädagogen sowie Fachärzten zusammenstellen. Zweitens das Team von Leistungsträgern unabhängig machen. Alle erbrachten Leistungen werden aus einem einheitlichen Budget bezahlt. Alle zahlen in diesen Topf ein. Es gibt keine aufwändigen Antragsverfahren und verschiedene Zuständigkeiten.

In Offenbach gibt es interessante mobile Angebote: Das Jugendkunstmobil (JUKUMO) bietet Kindern und Jugendlichen an öffentlichen Standorten die Möglichkeit zur künstlerischen Betätigung. Der Bücherbus steht freitags in den Stadtteilen, ein Kirchenmobil temporär am Wochenmarkt. In Deutschland gibt es mobile Bauwagen für die Jugendarbeit, fahrbare Kirchen und Kirchenzelte auf Campingplätzen (Titisee), in Amerika fahrende Beichtstühle.

Ich würde den Trend aufgreifen. Kleine Elektro-Smarts sind täglich unterwegs, an festen Anlaufstellen werden Medikamente ausgegeben, Mittagessen verteilt. Was wir heute in Häusern anbieten, wird auf Rädern gebracht. Bei VersA Rhein-Main müssen wir mit der Integrierten Versorgung in entlegenen Gegenden Menschen aufsuchen. Hier könnte ein Behandlungsbus Menschen auf Marktplätzen versorgen, je nach Bedarf besetzt mit ärztlichem Personal und Sozialarbeit, Betreuung und Pflege.

Essen aus dem Kleintransporter auf dem Marktplatz? Der Klanggarten als mobiler Chor?

Beides würde ich anbieten. Verpflegungsbusse auf Schulhöfen fände ich für Schüler viel cooler, auch flexibler. Es müssen nicht aufwändig Kantinen und Kioske bestückt werden.

Was müsste passieren, damit diese Ideen realisiert werden könnten? Ist doch heute alles mit festen Zuständigkeiten über Wohlfahrtsträger geregelt, alles braucht einen festen Ort, einen ausgeklügelten Hilfeplan. Wie soll die Finanzierung für offene Angebote aussehen?

Im Moment ist es schwierig. Es werden die klassischen Angebote über unterschiedliche Leistungsträger finanziert. Innovative Ideen und einfache Angebote für Menschen bleiben auf der Strecke, die Leistungsträger verständigen sich untereinander nicht. Ich denke, dass wir für psychisch erkrankte Menschen eine Budgetlösung brauchen. Kommunen, Rentenversicherung und Krankenkassen zahlen in den Topf ein, der Landeswohlfahrtsverband Hessen kann das fachkompetent managen.

Gibt es noch andere „Verrücktheiten“, die der soziale Markt so noch nicht kennt und die den hilfebedürftigen Menschen gut tun würden?

Wir haben gerade am Offenbacher Wilhelmsplatz Wohnungen angemietet. Im Erdgeschoss befindet sich ein Gasthaus. Wir sind mit dem Wirt im Gespräch, dass das Mittagessen an Wochenenden aus deren Küche kommt.

Ihre Prognose für die Zukunft: Wie wird die soziale Arbeit 2040 aussehen?

Mal schauen. Es ist schwer zu sagen. Ich denke jedoch, dass die heutige starre Trennung von Leistungszuständigkeiten, etwa Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Altenhilfe zurücktreten muss zugunsten einer Kombination aus Angeboten, die einem Menschen in seiner ganz eigenen individuellen Lebenssituation zugutekommt. Die Komplexität des Lebens und Anforderungen an die Lebensführung werden weiter zunehmen. Menschen, die das nicht selbst oder nicht allein bewältigen können, brauchen umfassende und flexible, auf die Person bezogene Hilfen. Die sollte Sozialarbeit dann eben so leisten können.

Was bedeutet das für die Professionellen in der Sozialarbeit?

Sozialarbeit muss professioneller werden. Die Ausbildung an den Hochschulen ist eine große Herausforderung, aber es wird sich manches ändern müssen. In Sozialbetrieben wie LEBENSRÄUME werden gute Kenntnisse der Menschen und der Sozialsysteme gebraucht, praktisches Handwerkszeug, einsatzbereite Fachleute. Und es gibt einen großen Bedarf an Kollegen, die Leitungs- und Führungsaufgaben übernehmen. Man wird sich einmal grundständig und dann andauernd weiterbilden müssen. Wie fast überall in qualifizierten Berufen.

Herr Liedke, vielen Dank für das Gespräch.

Der Text wurde im Stadtmagazin "Mut & Liebe", Ausgabe 27/2017 veröffentlicht. Klicken Sie hier.  Text: www.allemunde.de, Bild: www.baumann-fotografie.de

Kontakt: Geschäftsstelle LEBENSRÄUME, T 069 83 83 16-0, Kontakt