05. Oktober 2018

Stabübergabe mit Symposium

 Am 19.09.2018 wurde Klaus-D. Liedke mit einem Symposium und Festakt im Kreishaus Dietzenbach als Stiftungsvorsitzender verabschiedet, am 30.09. hatte er bei LEBENSRÄUME seinen letzten Arbeitstag. Landrat Oliver Quilling würdigte in seiner Eröffnungsrede die Verdienste von Klaus-D. Liedke und bezeichnete ihn als „Motor der psychosozialen Versorgung“. In seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der Stiftung spricht Quilling von LEBENSRÄUME als „Produktionsort mit Fertigungsplanung“ für psychosoziale Dienstleistungen – nicht ohne Humor mit Blick auf den Anlagentechniker, Sozialpädagogen und Betriebswirt Liedke. Alle Fragen der Versorgung würden in Stadt und Kreis Offenbach hauptsächlich über Lebensräume beantwortet. Klaus-D. Liedke habe seit der Vereinsgründung 1981 über 37 Jahre die sozialpsychiatrische Arbeit geprägt. Der neue Stiftungsvorsitzende Christoph Wutz verneigte sich symbolisch nach der Stabübergabe bei seiner Antrittsrede am Rednerpult: „Ihre Handschrift ist unverkennbar. Ich verneige mich vor Ihrem Lebenswerk.“


Klaus-D. Liedke übergibt den Staffelstab an seinen Nachfolger Christoph Wutz (von rechts)

Symposium im Zeichen der Inklusion

Unverkennbar stand der Nachmittag mit Symposium und Festakt im Kreistagssitzungssaal unter dem Zeichen der Inklusion. Klaus-D. Liedke habe gesellschaftliche Veränderungen stets als Chance begriffen und Lebensräume gut aufgestellt, von der versorgenden Hilfe hin zur gesellschaftlichen Teilhabe, so Christoph Wutz. Dazu begeisterte Martin Medings inklusiver „Projektchor Klanggarten Offenbach“ mit „Mein kleiner grüner Kaktus“ (Comedian Harmonists) und „Wir hatten eine gute Zeit“ (Wise Guys) rund 200 Festgäste. Seit Herbst 2011 finden jährlich vier jahreszeitliche Projekte mit jeweils zwei Auftritten statt, stets gefördert von Klaus-D. Liedke. Über 150 Menschen aus Sana-Klinik, LEBENSRÄUME und Öffentlichkeit haben seitdem am Chor teilgenommen.


Der „Projektchor Klanggarten Offenbach“ mit Martin Meding am Flügel auf der Bühne des Kreistagssitzungssaals

Fachvorträge beleuchten psychosoziale Sorge

Mit drei Fachvorträgen und einer Podiumsdiskussion wurden beim Symposium die Lage der Psychiatrie und ihrer komplementären Dienste von der Psychiatrieenquete bis zum Bundesteilhabegesetz unter dem Veranstaltungstitel „Psychosoziale Sorge für Mensch und Gemeinschaft gestern, heute, morgen“ aus folgenden Blickwinkeln beleuchtet: „Wie hilft Psychosoziale Versorgung dem Bürger, der Gemeinschaft?“ (Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Der Paritätische Gesamtverband e.V., Berlin); „Vom Werden und Sein der Sozialpsychiatrie in Deutschland“ (Prof. Dr. Hartmut Berger, Ärztlicher Direktor a.D. Vitos Riedstadt) und „Sozial- und Gesundheitspolitik schafft neue Vorgaben, wie werden sie umgesetzt?“ (Stefan Grüttner, Hessischer Minister für Soziales und Integration). Moderiert wurde die Veranstaltung von Redakteurin und Fernseh-Moderatorin Maren Hilligen.


Stefan Grüttner, Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Klaus-D. Liedke, Prof. Dr. Hartmut Berger mit Moderatorin Maren Hilligen beim Experten-Podiumsgespräch

Ambulantisierung weiterdenken

Prof. Dr. Rolf Rosenbrock sprach in seinem Vortrag von der Notwendigkeit einer gesundheitsförderlichen Gesamtpolitik, die die Bereiche Arbeitsmarkt, Soziales, Bildung und Familie gleichermaßen im Blick haben müsse. „Je größer die Ungleichheit, desto geringer die Lebenserwartung“, betonte Rosenbrock. So führe eine geringe Einkommensspreizung statistisch zu einer hohen Lebenserwartung (Japan), öffne sich hingegen „die Schere“ weit, sei die Einkommensspreizung hoch sowie die durchschnittliche Lebenserwartung niedrig (USA). Für die psychosoziale Versorgung spricht er von einem „Weiterdenken der Ambulantisierung“ und erwähnt dazu das Netzwerk für psychische Gesundheit (NWpG, 2009) der Techniker Krankenkasse mit den Ansätzen der frühzeitigen Selbstbestimmung, Recovery, Inklusion, frühzeitige Intervention und Verhinderung von Chronifizierung. Wichtige Pfeiler alter und neuer Bündnisse der „Sozialraumorientierung und Gemeinwesenarbeit“ sind für Rosenbrock die Versorgung chronisch psychisch kranker Menschen, die Soziale Stadt mit Quartiersmanagement, das Pflegestärkungsgesetz III, das Präventionsgesetz – Lebenswelt Kommune und die Integration von geflüchteten Menschen.


Prof. Dr. Rolf Rosenbrock bei seinem Fachvortrag in Dietzenbach

Lebenserwartung chronisch psychisch Kranker stark verkürzt

„Vom Werden und Sein der Sozialpsychiatrie in Deutschland“ sprach Prof. Dr. Hartmut Berger, Gründungsvorsitzender des Vereins LEBENSRÄUME und Ärztlicher Direktor a.D. Vitos Riedstadt.
Die deutsche Psychiatriereform mit Psychiatrieenquete und Expertenkommission in den 1980er führte zur Auflösung der Anstaltspsychiatrien und Gründung kommunaler Fachkliniken mit sozialpsychiatrischer Versorgung. Verfügte das Philippshospital Riedstatt in den 1970er Jahren über 1.400 Betten bei einer Verweildauer von 122 Tagen, so sind es heute 176 Betten bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 23 Tagen. Psychisch kranke Menschen wurden mit der Gründung der Psychiatrischen Klinik und des Vereins LEBENSRÄUME 1981 nach Offenbach zurückgeholt. Berger merkte kritisch an, dass trotz Zunahme der Mobilität chronisch psychisch kranker Menschen ihre Lebenserwartung um 25 Jahre verkürzt ist. Unverändert sei auch die Bettenzahl in den forensischen Kliniken. 
Hartmut Berger würdigt Klaus-D. Liedkes Engagement für LEBENSRÄUME und hob seine publizistische Tätigkeit und wissenschaftliche Arbeit hervor. Als Vereinsvorsitzender habe er Liedke wegen seines „kritischen Verständnisses und der Herkunft aus einem anderen Fach“ eingestellt.


Prof. Dr. Hartmut Berger am Rednerpult im Kreishaus Dietzenbach

Sozialräumliche Aufgabenwahrnehmung

Der hessische Sozialminister Stefan Grüttner sprach über die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) in die hessischen Landesgesetze, das hessische Gesetz über die Betreuungs- und Pflegeleistungen (HGBG) sowie das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (PsychKHG), Grüttner führte aus, dass die Eingliederungshilfe weiterhin Verlässlichkeit und Fachkompetenz brauche und nicht nach Kassenlage geleistet werden dürfe. Er erwähnt dazu als Beispiel Offenbach Stadt und den Kreis Offenbach mit einer unterschiedlichen Finanzausstattung. Zuständiger Träger bleibe der Landeswohlfahrtsverband LWV. Grüttner betonte die „Sozialräumliche Aufgabenwahrnehmung“, sprach von Bürgernähe, Passgenauigkeit, Transparenz und guter Qualität. Für die Aufsicht sei das Land Hessen zuständig. Als neu meldete Grüttner, dass die Träger vor Ort die Voraussetzungen für Gewaltprävention schaffen und die Einrichtung einer Vertrauensfrau in Einrichtungen der Behindertenhilfe veranlassen müssten.


Sozialminister Stefan Grüttner (zweiter von rechts) mit Prof. Dr. Hartmut Berger, Landrat Oliver Quilling, Klaus-D. Liedke und Christoph Wutz (von links)

Partizipative Gemeinwesenarbeit als Säule 

Im Podiumsgespräch waren sich die Fachreferenten einig darüber, dass in der Behandlung und Betreuung psychisch kranker Menschen neben den Fachleuten das soziale Umfeld und deren Umwelt ein noch wichtigerer Pfeiler werden muss – die „partizipative Gemeinwesenarbeit“ (Rosenbrock). Bei den chronischen Erkrankungen nehmen statistisch die psychischen Erkrankungen am stärksten zu. Dabei sei die Akzeptanz von Menschen, die anders sind oder gar nicht funktionieren, noch nicht vollends gegeben (Liedke). Rosenbrock erwähnte, dass die psychischen Belastungen der Menschen durch die hohen Arbeitsanforderungen steigen und forderte eine „Senkung der Belastung, nicht nur eine Stärkung der Gesundheit“. Liedke erläuterte abschließend seine Idee  von einer „Psychiatrie auf Rädern“, bei der alle Hilfen bis hin zur ärztlichen Leistung aufsuchend erbracht werden. Stefan Grüttner erwähnte die „hohe hessische Einflussnahme“ bei der Ausgestaltung des Bundesteilhabegesetzes in der Schlussphase vor zwei Jahren. 

Moderatorin Maren Hilligen bezeichnete Liedke zum Abschluss des Symposiums als einen Menschen, „der mit Herzblut bei der Sache war, für die Menschen brannte“. Der passionierte Läufer habe stets auch bei LEBENSRÄUME einen langen Atem gehabt, dabei die richtige Lauftechnik beherrscht und sich die Strecke einteilen können.


Maren Hilligen, Redakteurin und Moderatorin, rheinmaintv und hr2

Sozialarbeit und Ökonomie

Nach dem Auftritt des „Projektchors Klanggarten Offenbach“ lauschten die geladenen Gäste im Rahmen des Festaktes dem lebendigen Podiumsgespräch, zusammengesetzt aus Kooperationspartnern der Stiftung LEBENSRÄUME. Darunter Silke Manneschmidt (Landeswohlfahrtsverband Hessen, Darmstadt, Hilfen für seelisch Behinderte und Menschen mit Abhängigkeitserkrankung), Dr. Thorsten Neubacher (Frankfurter Werkgemeinschaft fwg, Geschäftsführer), Prof. Dr. Petra Gromann (Hochschule Fulda, Autorin und Mitglied des Akkreditierungsrats der Hochschulen), Reinhard Belling (Vitos Holding, Geschäftsführer).
Silke Manneschmidt wusste die Zusammenarbeit mit Klaus-D. Liedke zu schätzen, besonders seine Fähigkeit, „eine selbstkritische Rolle einzunehmen“ und wegen der Haltung „des Miteinander Lernens“. 


Klaus-D. Liedke im Gespräch mit den Kooperationspartnern

Liedke sprach von gegenseitiger Wertschätzung bei „aller Strenge“ und lobte Manneschmidt für ihre „kreativen Ideen beim Arrangieren von Lösungen für menschliche Probleme“. Thorsten Neubacher schätzte Liedke als Freidenker und den Austausch mit ihm über inhaltliche und fachliche Fragen. Petra Gromann verbindet mit Klaus-D. Liedke die Verbindung von „Sozialarbeit und Ökonomie“. Beide Pole sind für sie zwei Seiten einer Medaille. Die Autorin des Integrierten Behandlungs- und Rehabilitationsplans (IBRP) und der Integrierten Teilhabeplanung (ITHP) ist Mitglied des Akkreditierungsrates der Hochschulen in Deutschland und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Personenzentrierung auf die Gestaltung der Studiengänge zu übertragen. Für den Top-Manager Reinhard Belling, der als Geschäftsführer die Vitos Holding mit 2.750 Mitarbeitern und 2.500 Betten an 100 Standorten steuert, gehört es zur Selbstverständlichkeit, stationäre und sozialpsychiatrische Angebote aufeinander abzustimmen.


Langweilig wird´s nie – auch nicht dem Publikum

Der in Budapest geborene Tony Lakatos, Mitglied der hr-Bigband interpretierte im Kreishaus Dietzenbach zwischen den Beiträgen Duke Ellington und von George Gershwin „Summertime“. 


hr-Bigband Saxophonist Tony Lakatos spielt „Summertime“ von George Gershwin

Als der Meister des Saxophons die Bühne verließ, formierten sich im Handumdrehen die Kolleginnen von LEBENSRÄUME auf dem Podium des Kreistagssitzungssaals und sangen ihre selbstgeschriebenen Textstrophen zu „Es war ´ne schöne Zeit“. Die Festgäste begleiteten den Chor mit Standing Ovations.


Verwaltungsleiterin Gabriele Blechschmidt (rechts) mit ihrem Festtagschor

Den Geist von LEBENSRÄUME aufnehmen

Der neue Stiftungsvorsitzende Christoph Wutz betrat als letzter das Podium. „Wird der Neue dem Erbe gewachsen sein? Kann er in die großen Fußstapfen treten?“, fragt rhetorisch der Nachfolger, der zwar keinen großen Erfahrungsschatz in der Gemeindepsychiatrie mitbringe, umso mehr aber Parallelen ziehen kann zu Herausforderungen in den vergangenen rund 20 Jahren in leitenden Positionen in der Sozialwirtschaft, sei es in der beruflichen Bildung, der Beschäftigungsförderung oder der beruflichen Rehabilitation. Wutz ist beeindruckt von der Qualität und Fachlichkeit seines Vorgängers. Liedke habe dabei ganz offensichtlich Veränderungen als Chance verstanden, nicht als Last. „LEBENSRÄUME entstand aus der Erkenntnis, dass sich Dinge ändern müssen.“ Er reihe sich als neuer Vorstandsvorsitzender mit der Stabübergabe gerne ein in das, was Klaus-D. Liedke und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begonnen haben. Christoph Wutz will den Geist von LEBENSRÄUME aufnehmen und sich den neuen Herausforderungen stellen: Der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes in die Praxis.

Der Festakt endete mit einem köstlichen Flying Buffet von ESSwerk und der Eastend Jazzband aus Frankfurt und Offenbach im Foyer des Kreishauses. 
Symposium und Festakt wurden organisiert und begleitet von Katharina Löbl und ihrem Team der Agentur Ankaro Events & Concepts.  www.ankaro-events.de

Christoph Wutz kommuniziert vom Rednerpult mit seinem Vorgänger Klaus-D. Liedke

Text und Bilder: Johann Kneißl, www.allemunde.de