Es ist schön, gefragt zu werden

Frau Gerke-Jork, wie kamen Sie zu LEBENSRÄUME?

Das liegt lange zurück. Eine Kollegin vom Netzwerk „Kunsttherapie-Rhein-Main“ sprach mich auf das Offenbacher Projekt an. Sie unterstützte bereits den Talentschuppen der Selbsthilfegruppe „Lebbe gehd waider“. Inzwischen begleite ich seit  über 10 Jahren die freie Malgruppe. Ich finde das Angebot großartig und freue mich für die künstlerisch interessierten Menschen, dass die Stiftung LEBENSRÄUME die kunsttherapeutische Arbeit finanziell fördert.

Sie sind Kunst- und Gestalttherapeutin. Wie sehen Sie Ihre Aufgabe im Talentschuppen?

Ich unterstütze die Teilnehmer*innen bei der ihrer Themenfindung, damit sie an „ihrem Thema“ künstlerisch arbeiten können. Sie brauchen auch Bestärkung und Bestätigung für ihre Ideen. Meine Aufgabe sehe ich darin, den Menschen dabei zu helfen, in ihr eigenes Bild hineinzufinden. Ich berate natürlich auch bei der Auswahl des Materials von Buntstiften, über Aquarell-, Pastell, oder Acrylfarben und zeige den Menschen das Potential der Farben und das Abmischen. Schließlich gebe ich Anregung dazu, wie man Schattierungen darstellt, plastische Maleffekte erzielen kann, Übergänge von hell zu dunkel oder von Rot zu Blau gestaltet. Das sind immer ganz individuelle Hilfestellungen.  

Wie muss man sich das vorstellen? Nehmen Sie Buntstift oder Pinsel der Teilnehmer*innen selbst in die Hand?

Lacht. Nein, ganz im Gegenteil. Die Malgruppe legt großen Wert darauf, möglichst eigenständig zu sein. Sie besorgt sich das benötigte Material, organisiert den Raum und beginnt ohne mich zu malen. Das finde ich wunderbar. Ich komme eine halbe Stunde später für zweieinhalb Stunden hinzu, beobachte den Prozess. Es sind dann meist nur kleine Hinweise, die ich im Malprozess gebe. Zum Beispiel malte eine Teilnehmerin an der „Waschwanne“ von Degas. Sie beschäftigte sich schon ein paar Sonntage in kleinen Malschritten mit der „schönen Frau“, wie sie ihr Bild nennt, und deren Rücken. Sie konnte aber den Zusammenhang zur Waschwanne nicht herstellen, verlor den Überblick. Ich ermutigte Sie dann, den nächsten Schritt zu wagen und an der „Waschwanne“ weiterzuarbeiten.  

Brigitta Gerke-Jork, 54, Dipl. Kunsttherapeutin und Gestalttherapeutin, beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit Kindern und erwachsenen Menschen – meist mit psychischen Erkrankungen. Sie arbeitet in Teilzeit an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an den Städtischen Kliniken Darmstadt, in ihrer eigenen Praxis und im Frauenhaus Darmstadt. Sie ist Mitglied im Vorstand es DFKGT (Dachverband für Kunst- und Gestaltungstherapie) und in der „Lokomotive, Werkstatt für Gestaltung“ Dreieichenhain tätig. 


Arbeitet jeder für sich oder hat die Gruppe auch Einfluss auf den Malprozess der Teilnehmer*innen?

Jeder Sonntagnachmittag endet mit einer Bildbesprechung, die von 45 Minuten bis zu einer Stunde dauert. Sie ist zum festen Bestandteil der monatlichen Treffen geworden. Die Teilnehmer*innen präsentieren ihr Bild auf einer Staffelei und sagen, was sie an dem Nachmittag gestaltet haben. Im Anschluss stellt die Gruppe Fragen oder gibt Hinweise zu möglichen weiteren Arbeitsschritten. Das geschieht in einer sehr achtsamen und wertschätzenden Weise. Im Miteinander sprechen wird erst der große Reichtum und die Kraft der Bilder spürbar. Meist können die Teilnehmer*innen ihre Qualitäten zuerst noch nicht sehen. Die Rückmeldung hilft ihnen dabei, sich ihrer eigenen Stärken bewusst zu werden. Die Bilder sind nach der Besprechung viel kostbarer als vorher.

Was bedeutet für Sie Arbeit und im Besonderen künstlerische Arbeit? 

Ich bin sehr froh darüber, dass ich beruflich wie auch in meiner Freizeit künstlerisch arbeiten kann. Von meinem Gefühl ist alles, was ich mache, Arbeit und es macht keinen Unterschied, ob ich in der Klinik, in meinem Garten, mit Kindern in der Lokomotive,  im Talentschuppen, im Frauenhaus in Darmstadt oder in meiner eigenen Praxis für Kunst- und Gestalttherapie arbeite. Alles ist spannend, lebendig, inspirierend. Ich bin sehr dankbar, dass ich einen so schönen Beruf habe.  

Was ist Ihnen im Alltag noch wichtig?

Ich brauche viel Zeit für meinen Garten, meine Blumen, für das Fotografieren. Ich genieße diese Zeit sehr. Ich meditiere, gehe im Wald spazieren und mit Freunden joggen. Die Ortswechsel an verschiedene Arbeitsstellen sind anstrengend – ausgehend vom Kennenlernen vieler Menschen über Abstimmungsprozesse bis hin zu den individuellen therapeutischen Angeboten. Aber ich erfahre viel Wertschätzung und Würdigung bei meiner Arbeit.

Was möchten Sie abschließend noch sagen?

Es ist schön, gefragt zu werden. Es war heute bereichernd für mich, einen Gesamtblick auf mein kreatives Handeln werfen zu können. Im Alltag kommt immer etwas dazwischen. Es tat gut, mir  Klarheit darüber zu verschaffen, wozu meine Arbeit hilft und wofür sie wichtig ist. Das ist sonst nicht so präsent.

Frau Gerke-Jork, vielen Dank für das Gespräch.

Interview und Fotos: Johann Kneißl. www.allemunde.de